Von Jesus zu Christus


Von Jesus zu Christus


GA 131 - Seite 71-74

Wir stehen da an der bedeutungsvollen Begegnung mit dem Hüter der Schwelle. Kommen wir aber so weit, erleben wir das, was eben jetzt gesagt worden ist, durch die Strenge unserer Exerzitien, dann kommen wir aus der allgemeinen menschlichen Natur heraus dazu, daß wir uns selbst erkennen, wie wir jetzt als das Resultat der vorhergehenden Inkarnationen zu der gegenwärtigen Gestalt geworden sind. Aber wir erkennen auch, wie wir den tiefsten Schmerz empfinden können und uns über diesen Schmerz emporarbeiten müssen zur Überwindung unseres gegenwärtigen Daseins. Und für jeden, der nur genügend weit fortgeschritten ist und die Empfindungen in ihrer ganzen Intensität durchgemacht hat, der geschaut hat den Hüter der Schwelle, taucht dann mit Notwendigkeit ein Imaginationsbild auf — ein Bild, das er sich nicht durch Willkür hinmalt, wie es im Jesuitismus geschieht, durch das, was in der Bibel steht, sondern das er erlebt durch das, was er allgemein menschlich gefühlt hat, was er ist. Dadurch wird er ja selbstverständlich bekannt gemacht mit dem Bilde des göttlichen Idealmenschen, der in einem physischen Leibe uns selbst gleich lebt, aber in diesem physischen Leibe uns selbst gleich auch empfindet alles das, was ein physischer Leib bewirken kann. Die Versuchung und das Bild, das uns in den synoptischen Evangelien geschildert wird von der Versuchung, dem Hinführen des Christus Jesus zu dem Berge, von dem Versprechen aller äußeren Realitäten, dem Festhaltenwollen an den äußeren Realitäten, die Versuchung, an der Materie hängen zu bleiben, kurz, die Versuchung, beim Hüter der Schwelle zu bleiben und nicht über ihn hinauszuschreiten, das erscheint uns in dem großen Idealbilde des Christus Jesus auf dem Berge stehend und den Versucher neben ihm — das sich uns entgegenstellen würde, selbst wenn wir nie etwas von den Evangelien gehört hätten. Und wir wissen dann, daß der, welcher die Versuchungsgeschichte geschrieben hat, seine eigene Erfahrung geschildert hat, daß er gesehen hat im Geiste den Christus Jesus und den Versucher. Da wissen wir, daß es wahr ist, im Geiste wahr ist, daß der, der die Evangelien geschrieben hat, etwas geschildert hat, was wir selbst erleben können, auch wenn wir gar nichts von den Evangelien wüßten. So werden wir zu einem Bilde hingeführt, das gleich ist dem, was in den Evangelien als Bild ist. Da erobern wir uns das, was in den Evangelien steht. Da wird nichts überwältigt, sondern aus den Tiefen unserer Natur hervorgeholt. Wir gehen von allgemein Menschlichem aus und gebären durch unser okkultes Leben die Evangelien neu und fühlen uns eins mit den Evangelienschreibern. Dann geht in uns eine andere Empfindung auf, eine Art nächster Stufe des okkulten Weges. Wir fühlen, wie der Versucher, der da aufgetreten ist, sich auswächst zu einem mächtigen Wesen, das hinter allen Erscheinungen der Welt ist. Ja, wir lernen zwar den Versucher kennen, aber wir lernen ihn doch nach und nach in einer gewissen Weise schätzen. Wir lernen sagen: Die Welt, die sich vor uns ausbreitet, mag sie nun Maja sein oder etwas anderes, sie hat ihre Berechtigung; sie hat uns etwas zur Offenbarung gebracht. — Da tritt etwas Zweites auf, das wieder als ein ganz konkretes Gefühl geschildert werden kann bei jedem, der die Bedingungen einer rosenkreuzerischen Initiation erfüllt. Das Gefühl tritt auf: Wir gehören dem Geiste an, der in allen Dingen lebt, und mit dem wir rechnen müssen. Wir können gar nicht hinter den Geist kommen, wenn wir uns nicht dem Geiste hingeben. Und da wird uns angst! Wir machen eine Angst durch, die jeder wirkliche Erkenner durchmachen muß, ein Empfinden der Größe des in der Welt ausgebreiteten Welten- geistes. Sie steht vor uns, und unsere eigene Ohnmacht empfinden wir und empfinden auch, was wir geworden wären im Laufe des Erdenganges oder der Welt überhaupt, und empfinden unser ohnmächtiges Dasein, das so weit von dem göttlichen Dasein entfernt ist. Da empfinden wir Angst vor dem Ideal, dem wir gleich werden müssen, und vor der Größe der Anstrengung, die uns hinführen soll zu dem Ideal. Wie wir die ganze Größe der Anstrengung empfinden müssen durch die Esoterik, so müssen wir auch diese Angst empfinden als ein Ringen, das wir uns vornehmen, ein Ringen mit dem Geiste der Welt. Und wenn wir diese unsere Kleinheit empfinden und die Notwendigkeit, wie wir ringen müssen, um unser Ideal zu erreichen, um eins zu werden mit dem, was in der Welt wirkt und webt, wenn wir es ängstlich empfinden, dann auch nur können wir die Angst ablegen und uns auf den Weg begeben, auf die Wege, die uns zu unserm Ideale hinführen. Indem wir es aber so recht ganz voll empfinden, tritt wieder eine bedeutsame Imagination vor uns. Wenn wir nie ein Evangelium gelesen hätten, wenn die Menschen nie ein solches äußeres Buch gehabt hätten — als ein geistiges Bild tritt es vor unser hellseherisches Auge: Wir werden hinausgeführt in die Einsamkeit, die uns klar vor dem inneren Auge steht, und wir werden vor das Bild des Idealmenschen geführt, der im menschlichen Leibe all die Ängste in der unendlichen Größe empfindet, die wir selbst schmecken in diesem Augenblick. Das Bild des Christus in Gethsemane steht vor uns, wie er die Angst erlebt in ungeheuer gesteigertem Maße, die wir selbst empfinden müssen auf dem Erkenntnispfad — die Angst, die ihm den Blutschweiß auf die Stirne treibt. Dieses Bild haben wir auf einem bestimmten Punkte unseres okkulten Weges ohne äußere Urkunden. Und gleichsam wie zwei mächtige Pfeiler stehen vor uns auf dem okkulten Wege die Versuchungsgeschichte, geistig erlebt, und die ölbergszene, entsprechend geistig erlebt. Und wir verstehen dann die Worte: Wachet und betet und lebet im Gebete, auf daß ihr nicht versucht werdet, jemals stehen zu bleiben auf irgendeinem Punkte, sondern stetig vorwärts schreitet! Das heißt das Evangelium zunächst erleben; heißt alles das so erleben, daß man es hinschreiben könnte, wie es die Evangelienschreiber geschildert haben. Denn die zwei Bilder, die eben charakterisiert worden sind, wir brauchen sie nicht dem Evangelium zu entnehmen; wir können sie unserm eigenen Innern entnehmen, können sie heraufholen aus dem Allerheiligsten der Seele. Da braucht kein Lehrer zu kommen und zu sagen: Du sollst vor dir als Imagination hinstellen die Versudiungsgesdiichte, die ölbergszene, — sondern wir brauchen nur vor uns hinzustellen, was in unserem Bewußtsein als Meditation, als Läuterung der allgemeinen menschlichen Empfindungen und so weiter ausgebildet werden kann. Dann können wir, ohne daß es jemand uns aufzwingt, die Imaginationen heraufholen, die im Evangelium enthalten sind.

Eine «Gesellschaft für ethische Kultur»

Eine «Gesellschaft für ethische Kultur» 



Handle so, wie, nach deiner besonderen Individualität,
nur gerade du handeln kannst;
dann trägst du am meisten zum Ganzen bei;
denn du vollbringst dann, was ein anderer nicht vermag.

Oktober 1892

Rudolf Steiner - GA 31 (GESAMMELTE AUFSÄTZE) - Seite 171

Spiegelungsapparat

Spiegelungsapparat

Bei der Erkenntnis der höheren Welten wird gleichsam der Gedanke, der sonst flüchtig bleibt, in dem Menschen so verdichtet, so verstärkt, daß der Mensch dann dazu kommen kann, daß sich die Denkkraft spiegelt an den vorher verstärkt gemachten, verdichteten Gedanken. Und so ist es auch beschaffen mit dem Bewußtsein das die Menschen entwickeln nach dem Tode. Dasjenige, was der Mensch durchlebt hat zwischen der Geburt und dem Tode, das ist wohl eingeschrieben in die große (Akasha-)Chronik der Zeit in geistiger Weise. Und so wie wir nicht hören können ohne Ohren hier in der physischen Welt, so können wir nicht wahrnehmen nach dem Tode, ohne daß da ist, in der Welt eingeschrieben, unser Leben mit alledem, was wir durchlebt haben zwischen der Geburt und dem Tode. Das ist der Spiegelungsapparat.



Wege der geistigen Erkenntnis und der Erneuerung künstlerischer Weltanschauung
Rudolf Steiner - GA 161 - Seite 258

Anthroposophische Bewegung


Die Geschichte und die Bedingungen der anthroposophischen Bewegung im Verhältnis zur Anthroposophischen Gesellschaft

Eine Anregung zur Selbstbesinnung

Und wenn man aus den verschiedenen Jahren her zusammen-fasst das, was das Charakteristische ist bei denjenigen, die sich in die anthroposophische Bewegung hereinfinden, so kann man doch zuletzt nur sagen: es sind solche Menschen, die durch ihr Schicksal, durch ihr inneres Schicksal, durch ihr Karma zu-nächst genötigt sind, von der gewöhnlichen Heerstraße der Zi-vilisation, auf der sich eben der größte Teil der gegenwärtigen Menschheit bewegt, wegzugehen und eigene Wege zu suchen.

GA 258

Erratene Geheimnisse


Rudolf Steiner - Über die astrale Welt und das Devachan

GA 88 - Seite 187f


Durch die Theosophie soll nun die Menschheit vorbereitet werden, damit dann, wenn das Geheimnis teilweise enthüllt wird, die schlechten Wirkungen paralysiert werden. Ein Grundunterschied zwischen dem Geheimnis der fünften Wurzelrasse und den Geheimnissen der früheren Wurzelrassen ist der, daß das Geheimnis unserer fünften Wurzelrasse teilweise durch den Verstand erraten werden kann. Früher waren die Geheimnisse streng in der Hand von Adepten, die die Menschheit führten. Es könnte aber in unserer Zeit Menschen geben, die den Adepten über den Kopf wachsen in gewisser Beziehung. Deshalb müssen einige Menschen gewappnet sein, wenn von außen ihnen das Geheimnis entgegentritt. Es wird der Zeitpunkt kommen, in dem Einzelne mit Teilen der Wahrheit, welche sie erraten können, hervortreten werden. Ohne die Vorbereitung durch die Theosophie würde das aber furchtbar sein und von verheerender Wirkung für die Menschen. Es könnte dann so sein, daß einige wenige Gute da wären, und die große Masse der Menschen wäre dann für das Gute verloren. Die Grundlehren der Theosophie sind die Voraussetzung dafür, daß den Menschen diese Wahrheiten übergeben werden können. Ohne diese würden die Menschen in drei Teile gespalten: in erstens die gedankenlose Masse, zweitens die zerstörenden Verstandesmenschen mit dem erratenen Geheimnis und drittens die Okkultisten. Die Menschen würden einen Kampf um Leben und Tod gegeneinander führen. Diejenigen aber, welche das Geheimnis erraten haben, erkennen nicht, warum das Geheimnis nicht ausgesagt werden darf. Die Theosophische Gesellschaft strebt an, daß nicht diese Dreiteilung der Menschheit entsteht, sondern daß ein Kern einer allge meinen Bruderschaft geschaffen werde. Man kann nun einwenden, eine allgemeine Bruderschaft der Menschheit könne es nie geben. Wir erwidern darauf: Was ihr sagt, ist zwar richtig, aber wir kennen die Grundlagen der Theosophie und wissen, daß ein solcher Kern die Menschheit schützen wird. - Dies ist eine Art Prophetie, die aber auf der Grundlage objektiver Wahrnehmung in der astralen Welt beruht. Das Geheimnis unserer Wurzelrasse ist also ein solches, welches bis zu einem gewissen Grade erraten werden kann. Deshalb müssen die Menschen für den Zeitpunkt des Erratens vorbereitet werden. Die Menschen müssen lernen, sich gegenseitig zu stützen, sie müssen zusammenwirken. Schädlich würde es wirken, wenn alle Gedanken der Menschen nur auf die unmittelbare Gegenwart gerichtet wären, wenn die Gedanken sich nur auf das Zeitliche und nicht auf das Ewige richten würden. Wir kennen nun also einen noch tieferen Grund als den der astralen Gesetze, der uns zwingt, unsere Kräfte für die theosophische Bewegung einzusetzen, weil wir wissen, wohin die Menschheit steuert.


Kosmische Tat der Liebe...

Kosmische Tat der Liebe...


Nur wer die Welt geistig-körperlich überall begreift, der begreift sie wirklich. Das muß bis in die Natur hinein mit Bezug auf solche Mächte wie die göttlich-geistigen in Liebe wirkenden und die in Haß wirkenden ahrimanischen be- achtet werden. Man muß in der naturhaften Weltenwärme, die mit dem Frühling einsetzt und gegen den Sommer zu wirkt, die naturhafte Liebe der göttlich-geistigen Wesen wahrnehmen; man muß in dem wehenden Froste des Win- ters die Wirkung Ahrimans gewahr werden. Im Hochsommer webt sich Luzifers Kraft in die natur- hafte Liebe, die Wärme, hinein. In der Weihnachtszeit wen- det sich die Kraft der göttlich-geistigen Wesen, denen der Mensch ursprünglich verbunden ist, gegen den Frost-Haß Ahrimans. Und gegen den Frühling zu mildert fortdauernd naturhafte göttliche Liebe naturhaften Ahriman-Haß. Das Erscheinen dieser alljährlich auftretenden göttlichen Liebe ist die Zeit der Erinnerung, da das freie Gottes-Ele- ment in das berechenbare Erd-Element mit dem Christus eingetreten ist. Christus wirkt in völliger Freiheit in dem Berechenbaren; damit macht er unschädlich, was nur das Berechenbare begehrt, das Ahrimanische. Das Ereignis von Golgatha ist die freie kosmische Tat der Liebe innerhalb der Erdengeschichte; sie ist auch nur erfaßbar für die Liebe, die der Mensch zu diesem Erfassen aufbringt.

Denken & Theoretisieren

Die Krisis der Gegenwart und der Weg zu gesundem Denken

Zehn öffentliche Vorträge, gehalten in Stuttgart zwischen
2. März und 10. November 1920

Die Krisis der Gegenwart und der Weg zu gesundem Denken - GA 335

Wir leben in der Zeit des Theoretisierens. Und wenn von jemandem dasjenige geltend gemacht wird, was nur aus Wirklichkeitssinn stammt, und dieses so Geltendgemachte dann in Ideen gefaßt wird, dann verwechseln die Menschen das, was aus der Wirklichkeit herausgeholt ist und klar in Ideenform auftritt, mit dem, was in ihnen selbst als abstrakte, als unwirklichkeitsgemäße Ideen lebt. Und sie sehen dann das, was eigentlich wirken kann im Menschen als ein realer Impuls, an als irgend etwas Utopistisches oder dergleichen - diejenigen Menschen am meisten, die selbst nur Utopistisches in den Köpfen haben, die sehen dann so etwas als Utopie an. Was war die Idee dieses Strebens nach einer universellen Menschheitserziehung im Sinne der «Philosophie der Freiheit»? Es war dies die Idee, daß frei der Mensch niemals werden könne, wenn er in sein Bewußtsein nur aufnimmt diejenigen Vorstellungen, die ihm seit drei bis vier Jahrhunderten aus der naturwissenschaftlichen Weltanschauung heraus kommen, wenn er sich nur anfüllt mit dem, was man von der Natur lernen kann. Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, ich habe öfter auch schon hier gesagt, daß der Einwand gemacht wird: Ja aber, wieviele Menschen sind es denn, welche heute in ihr ganzes Bewußtsein aufnehmen diejenigen Vorstellungen, die aus der Betrachtung der Natur entlehnt sind? Es sei ja so, meinen die Menschen, daß nur einzelne Persönlichkeiten Naturwissenschaft lernen und daß dann vielleicht auch aus denen, die da von Naturwissenschaft etwas erfahren, sich andere rekrutieren, welche eine monistische - oder wie man es sonst nennt Weltanschauung begründen, daß das aber doch auf die ganze breite Masse der Menschheit heute noch keinen maßgebenden Einfluß habe. 


Michael

Michael


Mehr als irgendein anderer Kampf ist dieser Kampf in das menschliche Herz gelegt. Da drinnen ist er verankert, verankert seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts. Entscheidend muß dasjenige werden, was Menschenherzen mit dieser Michael-Angelegenheit der Welt im Laufe des 20. Jahrhunderts tun. Und im Laufe dieses 20. Jahrhunderts, wenn das erste Jahrhundert nach dem Ende des Kali Yuga verflossen sein wird, wird die Menschheit entweder am Grabe aller Zivilisation stehen oder am Anfange desjenigen Zeitalters, wo in den Seelen der Menschen, die in ihrem Herzen Intelligenz mit Spiritualität verbinden, der Michael-Kampf zugunsten des Michael-Impulses ausgef ochten wird.

GA 240 - Seite 183

Analogiespiele

Analogiespiele

Bevor man richtiger Geistesforscher ist, fängt man nur an, diese geistige Welt zu beobachten. Man muß sich das Denken erst abgewöhnen; das gilt für die physische Welt. Natürlich nicht für das ganze Leben abgewöhnen, sondern bloß für die geistige Forschung. Ich habe Ihnen gesagt, man kommt in der Regel auf das Verkehrte, wenn man nach Analogien der sinnlichen Welt die geistige Welt charakterisieren will. Erinnern Sie sich an ein Beispiel. Die Geistesforschung zeigt, daß die Erde eigentlich ein Organismus ist; daß das, was die Geologen, die Mineralogen finden, ein Knochensystem nur ist, daß die Erde lebend ist, daß sie schläft und wacht wie der Mensch. Aber jetzt kann man nicht äußerlich nach einem Analogiespiel gehen. Wenn Sie äußerlich einen Menschen fragen: Wann wacht die Erde und wann schläft die Erde? - dann wird er ganz gewiß sagen: Sie wacht im Sommer und schläft im Winter. - Das ist das Gegenteil von dem, was wahr ist. Das Wahre besteht darin, daß die Erde tatsächlich im Sommer schläft und im Winter wach ist. Auf das kommt man natürlich nur, wenn man wirklich in der geistigen Welt forscht.

GA 192 - Seite 49

Mathematik & Erkenntnis

Mathematik & Erkenntnis


Das ist da, wo Novalis, der Dichter Novalis, der ja während seiner akademischen Bildung eine gute mathematische Schulung sich angeeignet hatte, wo er - Sie können es nachlesen in seinen Fragmenten - über Mathematik redet. Er nennt die Mathematik ein großes Gedicht, ein wunderbares, großes Gedicht. Man muß einmal nachempfunden haben, was einen von dem abstrakten Erfassen der geometrischen Formen treiben kann zu dem bewundernden Empfinden der inneren Harmonie, die in diesem Mathematisieren liegt. Man muß die Möglichkeit gehabt haben, von jener kalten, nüchternen Tätigkeit, die viele sogar an der Mathematik hassen, sich hindurchgerungen zu haben, ich möchte sagen in Novalisscher Weise, zu dem Bewundern der inneren Harmonie und - wenn ich den Ausdruck gebrauchen darf, den Sie ja jetzt hier öfter aus einem ganz andern Gebiete heraus gehört haben - des Melos der Mathematik. Da mischt sich in das mathematische Erleben etwas Neues hinein. Da mischt sich in das mathematische Erleben, das sonst rein intellektualistisch ist, bildlich gesprochen bloß unseren Kopf interessiert, da mischt sich etwas hinein, was nun den ganzen Menschen in Anspruch nimmt und was im Grunde genommen bei solch jugendlich gebliebenen Geistern wie Novalis nichts anderes ist als ein Fühlen der Tatsache: Was du da als mathematische Harmonien erschaust, womit du die Phänomene des Weltenalls durchwebst, das ist ja im Grunde genommen nichts anderes, als was dich gewoben hat während der ersten Zeit deiner kindlichen Entwickelung hier auf der Erde. - Das heißt konkret fühlen den Zusammenhang des Menschen mit dem Kosmos.


Grenzen der Naturerkenntnis (Dornach, 1920)
 
GA 322 - Seite 42

Christentum & Anthroposophie

Christentum & Anthroposophie

Man kann nicht sagen, daß die Anthroposophie Christentum ist; sondern man muß sagen: Dasjenige, was durch das Christus-Prinzip der Erde, dem Menschen gegeben worden ist, wird durch das Instrument der Anthroposophie allmählich begriffen werden.
Nun müssen wir uns klar darüber sein: wenn so alles in den späteren Religionssystemen Erinnerung früherer Erdenvorgänge ist, so mußte gerade in jenem Zeitpunkt, wo die letzte der Erinnerungen auftauchen konnte, ein wichtiges Ereignis eintreten. Und das war ungefähr die Zeit, wo das griechische und das römische Volk sich an die atlantischen Zeiten erinnerten. Das war aber auch die Zeit, in der der Christus einen wesentlichen, einen neuen Einschlag in die Erdentwickelung hineingebracht hat. Was für ein Einschlag das war, haben wir ja schon heute berührt, indem wir sagten, daß nach der langen Zwischenzeit, in der die luziferischen Wesenheiten den Menschen zubereitet haben, ihn fähig gemacht haben, den ersten Impuls zu empfangen, daß da die Sonne ihn nicht nur äußerlich bestrahlte, sondern auch ihre inneren Kräfte auf den Menschen wirkten. Diese Zeit ist noch lange nicht zum Abschluß gebracht, sie ist erst in ihrem Anfange, denn erst mit der Erscheinung des Christus ist der erste Impuls gegeben, daß das, was sonst bei der Sonne physisch-leiblich herunterscheint auf die Erde, auch innerlich-geistig ausstrahlt. Und immer größer wird das Licht werden, das als Sonnenlicht, als Geisteslicht, als Christus-Licht den Menschen von innen durchstrahlen wird, so wie das äußere Sonnenlicht ihn von außen umstrahlt. Das wird des Menschen Zukunft sein, daß er die Sonne nicht nur mit äußeren Augen anschauen und ihre Herrlichkeit empfinden wird, sondern daß er in seinem Inneren auch den geistigen Sinn der Sonne wird aufleben lassen. Wenn er dazu imstande sein wird, dann wird er erst voll verstehen, was eigentlich in der Gestalt, die wir als den Christus Jesus bezeichnen, auf Erden gewandelt ist. Das wird erst langsam und allmählich von dem Menschen verstanden werden können. Und ebenso wahr, als es ist, daß er in der vorchristlichen Zeit die ankündigenden geistigen Wesen begreifen mußte, die den Menschen sozusagen entlassen haben in die physische Welt hinunter, ebenso wahr ist es, daß der Mensch nunmehr begreifen muß durch eine wirklich spirituelle Bewegung jene geistige Kraft, die damals mit der Sonne aus der Erde herausgegangen ist. Der Mensch muß sie als eine innerliche geistige Kraft wieder in Empfang nehmen können; er muß diese geistige Kraft, die ihm die großen Impulse in die Zukunft hinein gibt, er muß diese Christus-Kraft begreifen. Und um diese Christus-Kraft zu begreifen, dazu gehört alle spirituelle Wissenschaft, dazu gehört als Geistsame alles, was aufgebracht werden kann an geistigen Lehren. Man kann nicht sagen, daß die Anthroposophie Christentum ist; sondern man muß sagen: Dasjenige, was durch das Christus-Prinzip der Erde, dem Menschen gegeben worden ist, wird durch das Instrument der Anthroposophie allmählich begriffen werden. Dadurch aber, daß es begriffen wird, wird es immer mehr der Geistsame werden, wird immer mehr jener große Impuls in die Erdentwickelung hineingegeben werden. Denn der Mensch braucht es, nachdem er am tiefsten hinabgestiegen ist in die Materie, um sich ihr wieder zu entreißen, um wieder zurückzukehren in seine geistige Heimat.


Welt, Erde und Mensch (Stuttgart, 1908)


GA 105 - Seite 125


Geheimgesellschaft

Thema 'Geheimgesellschaften'


Deshalb muß ich immer wieder betonen: Ich habe nur dasjenige zu verschweigen, von dem ich weiß, daß es der gegenwärtigen Mensch- heit wegen ihrer Unreife noch nicht mitgeteilt werden kann. Aber ich habe nichts aus irgendeinem Grunde zu verschweigen, weil jemandem gegenüber ein Gelöbnis oder dergleichen abgelegt wäre.
Die soziale Grundforderung unserer Zeit - In geänderter Zeitlage

GA 186 - Seite 265

Geisteswissenschaft


Geisteswissenschaft


Das Geistige ist zunächst für die äußere Wahrnehmung, für das, was der äußere Mensch erkennen und tun kann, überall gewissermaßen verborgen, verhüllt. Das ist das Charakteristische des Geisti- gen, daß der Mensch es erst erkennen kann, wenn er sich bemüht, wenigstens im geringen Maße, anders zu werden, als er von vornherein ist. Wir arbeiten in unseren geisteswissenschaftlichen Vereinigungen miteinander. Ja, wir hören da nicht nur diese oder jene Wahrheiten, die uns etwa sagen: Es gibt verschiedene Welten, der Mensch besteht aus verschiedenen Gliedern oder Leibern, oder wie man es nennen will —, sondern indem wir das alles auf uns wirken lassen, auch wenn wir es nicht immer bemerken, wird nach und nach, auch ohne daß wir eine esoterische Entwickelung durchmachen, unsere Seele zu etwas anderem. Das, was wir lernen auf dem Boden der Geisteswissenschaft, macht unsere Seele zu etwas anderem, als sie vorher war. Vergleichen Sie einmal die Art, wie Sie fühlen können, nachdem Sie einige Jahre das spirituelle Leben in einer Arbeitsgruppe für Geisteswissenschaft mitgemacht haben; vergleichen Sie die Art und Weise, wie Sie fühlen, wie Sie denken, dann mit der Art und Weise, wie Sie vorher gefühlt und gedacht haben oder wie die nicht für Geisteswissenschaft interessierten Menschen fühlen und denken: Geisteswissenschaft bedeutet nicht bloß die Aneignung eines Wissens, Geisteswissenschaft bedeutet eine Erziehung im eminentesten Maße, eine Selbsterziehung unserer Seele. Wir machen uns zu etwas anderem, die Interessen werden andere, die Aufmerksamkeiten, die der Mensch für das oder jenes entwickelt nach einigen Jahren, wenn er in die Geisteswissenschaft eingedrungen ist, sie werden anders. Was ihn früher interessiert hat, interessiert ihn nicht mehr; was ihn früher nicht interessiert hat, beginnt ihn im höchsten Maße zu interessieren. Man darf nicht bloß sagen: Derjenige erst erhält ein Verhältnis zur geistigen Welt, welcher eine esoterische Entwickelung durchgemacht hat. — Die Esoterik beginnt nicht erst mit der okkulten Entwickelung. In dem Augenblicke, wo wir uns mit irgendeiner geisteswissenschaftlichen Vereinigung verbinden und mit unserem ganzen Herzen dabei sind und fühlen, was in den Lehren der Geisteswissenschaft liegt, da beginnt schon die Esoterik, da beginnt schon unsere Seele sich umzuwandeln, da beginnt schon mit uns etwas Ähnliches, wie etwa vorgehen würde, sagen wir, mit einem Wesen, das vorher nur gesehen hätte Hell und Dunkel und das dann durch eine besondere, andere Organisation der Augen anfangen würde, Farben zu sehen: die ganze Welt würde anders aussehen für ein solches Wesen. Wir brauchen es nur zu bemerken, wir brauchen es uns nur zu gestehen, dann werden wir finden: die ganze Welt beginnt anders auszusehen, wenn wir die spirituelle Selbsterziehung eine Weile durchmachen, die wir haben können in einer geisteswissenschaftlichen Vereinigung. Dieses Sich-Erziehen zu einer ganz bestimmten Empfindung gegenüber der geistigen Welt, dieses Sich-Erziehen zu einem Hinblicken auf etwas, was hinter den physischen Tatsachen steht, das ist eine Frucht der geisteswissenschaftlichen Bewegung in der Welt, und das ist das Wichtigste am spirituellen Verständnis.

Rudolf Steiner, GA 136 - Seite 18

Der Doppelgänger

Der Doppelgänger


Durch diesen Doppelgänger lernen wir gründlich kennen alles dasjenige, was wir aus uns heraussetzen müssen. Er zeigt es uns immer wieder von neuem. Alles, was an Unaufrichtigkeit, Lieblosigkeit, Egoismus und anderen schlechten Eigenschaften in uns ist, das tritt uns durch das Erleben dieses Doppelgängers entgegen. Und daß wir diese Eigenschaften noch mit uns herumschleppen, sie noch nicht abschütteln können, das bewirkt das Gefühl des Unbehagens, das uns der Doppelgänger bereitet. Solange wir diese schlechten Eigenschaften noch in uns hatten, in unserem Unterbewußtsein, gleichsam in der Meerestiefe unserer Seele, kamen sie uns in ihrer ganzen Stärke noch nicht zum Bewußtsein. Wenn aber der geistige Mensch sich entwickelt und immer mehr wächst, wenn er mahnend hinschaut auf diese Eigenschaften unserer Seele, so wirken sie quälend durch ihr Vorhandensein, das dieser geistige Mensch nicht mehr dulden kann. Und deshalb ist es sehr gut, wenn das Gefühl des quälenden Unbehagens sehr stark auftritt, denn dadurch kommen wir am schnellsten von diesem Doppelgänger los.


Aus den Inhalten der esoterischen Stunden
GA 266b - S 279f


Über den Doppelgänger (AnthroWiki)



Egoisten: Ist Kaspar Hauser ein anthroposophischer Mythos?

Egoisten: Ist Kaspar Hauser ein anthroposophischer Mythos?: Kaspar Hauser, chic gemacht Ton Majoor war hier im Blog so freundlich, eine Beschreibung Hausers durch Georg Friedrich Daumer , dem Erz...



'arte' - Geschichte Kaspar Hauser -Fernsehdoku


 

Links & Quellen


Zur DNA-Probe
http://kaspar-hauser-infos.de/

Bewußtseinsseele

Vorträge und Kurse über christlich-religiöses Wirken V

Apokalypse und Priesterwirken

GA 346 - Seite 172f 

Und jetzt stehen wir im Zeitalter der Bewußtseinsseele. Das unmittelbare seelische Erleben im Luftförmig-Flüssigen ist erloschen. Aber, man möchte sagen, wie durch eine Art Katastrophe, mit der der fünfte, der nachatlantische Zeitraum begonnen hat, bereitet sich ja zunächst die weitere Entwickelung der Bewußtseinsseele der Menschheit vor. Wir stecken immer noch ein wenig im Chaos dieser Entwickelung der Bewußtseinsseele in bezug auf die äußere Zivilisation. Aber gerade der Anbruch des Michaelzeitalters soll in dieses Chaos ordnende Anschauung bringen. Diese Anschauung, sie wird darin bestehen, daß, so wie Erinnerungen in den Menschen heraufkommen, ganz geistig - nicht mehr wie in der atlantischen Zeit physisch, in der griechisch-lateinischen Zeit seelisch, sondern ganz geistig - Bilder auftauchen werden, etwas wie gedankliche Fata-Morgana-Bildungen, namentlich nach der Erscheinung des ätherischen Christus. In den Gedanken der Menschen werden innerlich eine Art von inneren Fata-Morgana-Bildern auftauchen, die einen visionären Charakter haben, die aber im Zeitalter der Bewußtseinsseele vollständig bewußt sein werden. Und so wie man in der Wüste, durch die Warme der Luft bewirkt, die Fata Morgana sieht - sie wird ja durch die Wärme der Luft bewirkt -, so wird der menschliche Gedanke getragen werden zum Verständnis desjenigen, was luftförmig-feurig, luftförmig- wärmeartig ist. Wir können sagen: In der atlantischen Zeit nimmt der Mensch das Göttliche wahr im Fest-Flüssigen, das heißt mehr in der äußeren physischen Materie, im vierten nachatlantischen, im griechisch- lateinischen Zeitraum, nimmt der Mensch das Geistige wahr in den wunderbaren Gebilden des Flüssig-Luftförmigen, und jetzt - also im fünften nachatlantischen Zeitraum, wo es die Bewußtseinsseele wahrnehmen wird - werden wir erleben, wie immer mehr und mehr im Bewußtsein auftauchen wird dasjenige, was luftförmig-feurig, was luftförmige Wärme ist; das wird vor dem Menschen in gewaltigen geistigen Bildern dasjenige aufsteigen lassen, was die Griechen seelisch erlebt haben und was die Bewohner der Atlantis physisch erlebt haben. Ein Zeitraum steht also in der Menschheitsentwickelung bevor, in dem mit der Klarheit der Gedanken Visionen über die Erdenvorzeiten und über die Herkunft des Menschen und alles, was damit zusammenhängt, auftauchen werden. Die darwinistische Anschauung, die ganz und gar aus reinen Schlußfolgerungen heraus den Menschen eine niedere Abkunft gab, geht voran der Entwickelung des inneren Anschauens, der Entwickelung der wunderbaren Imaginationen, die aus der menschlichen Innenwärme, verbunden mit dem Atemprozeß, wie konkrete, kolorierte, inhaltsvolle visionäre Gedanken auftauchen werden. Der Mensch wird wissen, was er war, indem er zuerst wie in einer Spiegelung schauen wird in den griechisch-lateinischen Zeitraum, und dann dahinter, was da war in der Atlantis.

Herzenskräfte - Denkkräfte

Herzenskräfte - Denkkräfte

Ursprungsimpulse der Geisteswissenschaft

Christliche Esoterik im Lichte neuer Geist-Erkenntnis

GA 96 - Seiten 293f


Damit wird hingedeutet auf die künftige Entwickelung der Menschheit innerhalb der Erde. Das habe ich öfter angeführt. Alles, was niedrig ist am Menschen, wird von ihm abfallen. Es bereitet sich im Menschen schon dasjenige vor, was er später sein wird. Nicht in der Art wird er schöpferisch sein wie heute. Nicht aus seinen niederen Leidenschaften heraus wird er schaffen. Wie er heute das Wort hervor- bringt, das Wort, welches das Höchste verkörpern kann, so wird er durch das Wort immer schöpferischer werden. Wie er durch die Sexualität egoistischer geworden ist, so wird er durch den Wegfall der Sexualität wieder selbstlos werden. Was man heute nur durch den Luftstrom aus dem Kehlkopf hervorbringt, das Wort, das wird in der Zukunft der Menschheit schaffend werden. Die Mutierung, das Ändern der Stimme, hängt mit der Geschlechtsreife zusammen. Die Stimme wird das Hervorbringende werden. Und indem das Wort das Hervorbringende werden wird, wird dieses Wort zu gleicher Zeit - in der Zukunft, weil das ganze Verhältnis sich umkehren wird - der Ausdruck der Herrschaft des Menschen über die Luft sein. Also dasjenige, was ihn ursprünglich durchhaucht hat, wird umgestaltend wirken auf etwas, was noch tiefer mit seinem Wesen zusammenhängt. Es wird das Wort schöpferisch werden für die Blutbereitung. Selbst das Blut des Menschen wird umgestaltet werden. Es wird nur noch reine, selbstlose Gefühle hervorbringen können. Ein Menschengeschlecht wird es geben, das durch das Wort schöpferisch sein wird. Die Selbstlosigkeit wird sich umsetzen in eine Eigenschaft des Blutes, und das Denkorgan wird sich umsetzen in das Herz. Da haben wir die eine der zwei Evolutionen, die auf das Christentum folgen. Das Zeitalter, in dem der Egoismus herrscht, ist repräsentiert durch Judas Ischariot. Wer unbefangen die Weltgeschehnisse betrachtet, der sieht, wie die Sexualität im Menschen imstande ist, ihn als Geist zu verraten, ihn zu töten. Es wird aber der Mensch, so wie er heute sich sein Höheres, das Wort erzeugt, durch das Wort einst schöpferisch wirken dann, wenn das Herz sein Geistorgan sein wird. Nun bitte ich Sie, dies anzuwenden auf das Evangelium und eine Stelle zu beachten, welche in wunderbarer Weise, mit einer grandiosen Symbolik das ausdrückt, was ich jetzt gesagt habe. Sehen Sie hin, was daraus folgen wird, wenn das Christentum selbstlos und brüderlich sein wird; wie das, was den Menschen egoistisch macht, in Judas Ischariot verkörpert ist, und sehen Sie auch dasjenige, wohin die Menschheit sich durch die zwölf Stationen entwickeln wird: zu der Gestalt, die der Christus Jesus selbst angenommen hat. Es steigt alles herauf nach dem Herzen.

Christentum

Erfahrungen des Übersinnlichen
Die drei Wege der Seele zu Christus


GA 143 - Seiten 184ff
Der Materialismus hat es heute auf diesem Gebiete sogar - was niemals vorher auf der Erde geschehen ist - zu einer schändlichen Wissenschaft gebracht. Das Schlimmste, was geleistet wird heute, ist das Zusammenwerfen von Liebe und Sexualität. Das ist der schlimmste Ausdruck des Materialismus, das Teuflischste der Gegenwart. Die Dinge, die auf diesem Gebiet geleistet werden, sie werden erst herausgeschält werden müssen. Sexualität und Liebe haben gar nichts miteinander zu schaffen in ihrer wahren Bedeutung. Sexualität kann zur Liebe hinzukommen, hat aber mit der reinen, ursprünglichen Liebe überhaupt nichts zu tun. Die Wissenschaft hat es bis zur Schändlichkeit gebracht, indem sie eine ganze Literatur aufbrachte, die sich damit beschäftigt, diese beiden Dinge in Zusammenhang zu bringen, die gar nicht im Zusammenhang stehen. Ein Drittes, das hereinzieht in die Menschenseele wie aus einer höheren Welt, das ist das Gewissen, dem sich der Mensch fügt, dem er einen höheren Wert beilegt als seinen eigenen, individuellen moralischen Instinkten. Mit ihm verbindet sich der Christus am innigsten: aus den Gewissensimpulsen der einzelnen Menschenseelen entnimmt der Christus seinen physischen Leib. So wird ein Ausspruch in der Bibel sehr real, wenn man weiß, daß aus den Mitleids- und Liebegefühlen der Menschen der Lebensleib des Christus sich bildet: «Was ihr einem der geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan», denn Christus bildet seinen Lebensleib bis ans Ende der Erdentwickelung aus Mitleid und Liebe der Menschen. Wie der Christus seinen astralischen Leib aus dem Verwundern und Erstaunen bildet, wie er seinen physischen Leib aus dem Gewissen bildet, so bildet er seinen Ätherleib aus den Gefühlen des Mitleids und der Liebe. Warum können wir jetzt gerade diese Dinge sagen? Weil einmal ein großes Problem gelöst werden wird für die Menschen, nämlich die Christus-Gestalt auf den verschiedensten Gebieten des Lebens darzustellen, wie sie wirklich ist. Dann erst wird man sie schauen, wie sie ist, wenn man mancherlei von dem berücksichtigt, was Geistesforschung zu sagen hat; da darf man nicht zurückschauen auf dasjenige, was in Palästina war - da hat ja der Christus die Hüllen des Jesus benützt. Wenn man nach langem Vertiefen in die geisteswissenschaftliche Christus-Idee einmal versuchen wird, den Christus darzustellen, da wird man eine Gestalt bekommen, an der man erkennt, daß in seinem Antlitz etwas enthalten ist, woran sich alle Kunst abmühen kann, aber auch abmühen muß und wird: in seinem Antlitz wird dann etwas enthalten sein von dem Sieg der Kräfte, die nur im Antlitz sind, über alle anderen Kräfte der menschlichen Gestalt. Wenn die Menschen werden bilden können ein Auge, das lebt und nur Mitleid strahlt, einen Mund, der nicht geeignet ist, zu essen, sondern nur zum Sprechen jener Wahrheitsworte, die das auf des Menschen Zunge liegende Gewissen sind, und wenn eine Stirn gebildet werden kann, die nicht schön und hoch, sondern die in der deutlichen Ausgestaltung dessen schön ist, was sich nach vorn spannt zu dem, was wir die Lotusblume zwischen den Augen nennen - wenn einmal dies alles gebildet werden kann, dann wird gefunden werden, warum der Prophet sagt: «Er ist ohne Gestalt und Schöne.» Dies heißt nicht Schönheit, sondern es ist das, was siegen wird über die Verwesung: die Gestalt des Christus, wo alles Mitleid, alles Liebe, alles Gewissenspflicht ist.

Fortpflanzungskräfte

AUS DER AKASHA-CHRONIK

GA 11 - Seite 123-125
Man kann auch sagen, jene edlen geistigen Kräfte, welche vorher durch das Mittel des Feuernebels auf die noch höheren Triebe des Menschen einwirkten, sind jetzt heruntergestiegen, um ihre Macht in dem Gebiete der Fortpflanzung zu entfalten. Tatsächlich wirken edle Götterkräfte in diesem Gebiete regelnd und organisierend. — Und damit ist ein wichtiger Satz der Geheimlehre zum Ausdruck gebracht, der so lautet: Die höheren, edlen Gotteskräfte haben Verwandtschaft mit den — scheinbar — niederen Kräften der Menschennatur. Das Wort «scheinbar» muß hier in seiner ganzen Bedeutung aufgefaßt werden. Denn es wäre eine vollständige Verkennung der okkulten Wahrheiten, wenn man in den Fortpflanzungskräften an sich etwas Niedriges sehen wollte. Nur wenn der Mensch diese Kräfte mißbraucht, wenn er sie in den Dienst seiner Leidenschaften und Triebe zwingt, liegt etwas Verderbliches in diesen Kräften, nicht aber, wenn er sie durch die Einsicht adelt, daß göttliche Geisteskraft in ihnen liegt. Dann wird er diese Kräfte in den Dienst der Erdentwickelung stellen und die Absichten der charakterisierten höheren Wesenheiten durch seine Fortpflanzungskräfte ausführen. Veredelung dieses ganzen Gebietes und Stellung desselben unter göttliche Gesetze ist das, was die Geheimwissenschaft lehrt, nicht aber Ertötung desselben. Die letztere kann nur die Folge äußerlich aufgefaßter und zum mißverständlichen Asketismus verzerrter okkulter Grundsätze sein. Man sieht, daß in der zweiten, oberen Hälfte der Mensch sich etwas entwickelt hat, auf das die geschilderten höheren Wesen keinen Einfluß haben. Ueber diese Hälfte gewinnen nun andere Wesen eine Macht. Es sind diejenigen, welche in früheren Entwickelungsstufen zwar weitergekommen sind als die Menschen, noch nicht aber so weit wie die Mondgötter. Sie konnten im Feuernebel noch keine Macht entfalten. Jetzt aber, wo ein späterer Zustand eingetreten ist, wo in den menschlichen Verstandesorganen durch den Feuernebel etwas gebildet ist, vor dem sie selbst in einer früheren Zeit standen, jetzt ist ihre Zeit gekommen. Bei den Mondgöttern war es bis zu dem nach außen wirkenden und ordnenden Verstand schon früher gekommen. In ihnen war dieser Verstand da, als die Epoche des Feuernebels eintrat.


Geisteswissenschaftliche Gesichtspunkte zur Therapie

 GA 313 - Seite 22

Nun, wenn man das Verhältnis des Ich des Menschen zum Gliedmaßen-Stoffwechselsystem ins Auge faßt, so liegt eigentlich in diesem Verhältnisse der Ursprung des menschlichen Egoismus. Es gehört diesem System des menschlichen Egoismus ja auch das Sexualsystem an. Und das Ich wirkt gerade auch auf dem Umwege durch das Sexualsystem am meisten das menschliche Wesen mit Egoismus durchdringend.

Drei Perspektiven der Anthroposophie

Kulturphänomene geisteswissenschaftlich betrachtet

GA 225- Seiten 181-183

Die Erinnerung ist ein Weben und Leben im Seeleninneren, und da stellen sich die Unterschiede nicht so klar und tief vor Augen. Nur mystische Geister, Swedenborg, Meister Eckhart, Johannes Tauler, empfinden, indem sie sich in ihre Erinnerungen versenken, das Weben und Leben des Geistig-Ewigen in dieser Erinnerung, sprechen von dem zündenden Fünklein, das da aufleuchtet im Menschen, wenn er gewahr wird in der Erinnerung, daß ja in dieser Erinnerung dasselbe innerlich mikrokosmisch lebt, was in den schaffenden, bildenden Kräften, die traumhaft zugrunde liegen allem Weltendasein, draußen wirkt und webt. Da sind die Dinge nicht so deutlich. Aber deutlich werden sie, wenn wir auf die dritte Stufe gehen, wenn wir sehen, wie in der dritten Stufe unsere Zivilisation verkannt hat das ursprünglich geistige Wesen und Weben der Liebe. Alles, was geistig ist, hat selbstverständlich seine äußere sinnliche Form, denn es taucht der Geist unter in die Physis. Er verkörpert sich in der Physis. Vergißt er dann seiner selbst, wird er nur die Physis gewahr, dann glaubt er, daß dasjenige, was geisterregt ist, bloß durch die Physis erregt ist. In diesem Wahn lebt unsere Zeit. Sie kennt nicht die Liebe. Sie phantasiert nur von der Liebe, ja, lügt von der Liebe. Sie kennt in der Wirklichkeit nur die Erotik, wenn gedacht wird über die Liebe. Ich will nicht sagen, daß nicht der Einsame die Liebe erlebt, denn der Mensch verleugnet in seinem unbewußten Fühlen, in seinem unbewußten Wollen viel weniger den Geist als bei seinem Denken - wenn aber die gegenwärtige Zivilisation über die Liebe denkt, dann spricht sie nur das Wort Liebe, dann redet sie eigentlich von Erotik. Und man kann schon sagen: Gehe man die gegenwärtige Literatur durch, überall, wo zum Beispiel im Deutschen Liebe steht, sollte eigentlich das Wort Erotik gesetzt werden. Denn das ist es, was das in den Materialismus getauchte Denken allein kennt von der Liebe. Es ist die Verleugnung des Geistes, welche die Liebeskraft zur erotischen Kraft macht. Auf vielen Gebieten ist nicht nur an die Stelle des Genius der Liebe, ich möchte sagen, sein niederer Diener, die Erotik getreten, sondern an vielen Stellen ist nun auch das Gegenbild, der Dämon der Liebe getreten. Der Dämon der Liebe aber entsteht, wenn das, was sonst gottgewollt im Menschen wirkt, durch das menschliche Denken in Anspruch genommen wird, durch die Intellektualität abgerissen wird von der Geistigkeit. So daß der absteigende Weg der ist: Man erkennt den Genius der Liebe, man hat die durchgeistigte Liebe. Man erkennt den niederen Diener, die Erotik. Man fällt aber in den Dämon der Liebe. Und der Genius der Liebe hat seinen Dämon in dem Interpretieren, nicht in der wirklichen Gestalt, aber in dem Interpretieren der Sexualität durch die heutige Zivilisation. Wie wird heute schon nicht nur von der Erotik gesprochen, wenn man an die Liebe herankommen will, sondern nurmehr von der Sexualität! In diesem Reden der Zivilisation über die Sexualität ist, man kann schon sagen, vieles von dem eingeschlossen, was als sogenannter Unterricht über die Sexualität heute angestrebt wird. In diesem heutigen intellektualisierten Reden über die Sexualität lebt die Dämonologie der Liebe. Wie auf einer anderen Stufe der Genius, dem das Zeitalter folgen soll, in seinem Dämon erscheint, weil der Dämon ja eintritt, wo man den Genius verleugnet, so ist es auch auf diesem Gebiete, wo das Geistige in seiner intimsten Form, in der Liebeform, erscheinen soll. Unser Zeitalter betet oft statt zu dem Genius der Liebe zu dem Dämon der Liebe und verwechselt dasjenige, was Geistigkeit der Liebe ist, mit der Dämonologie der Liebe in der Sexualität. Gerade auf diesem Gebiete können natürlich die vollständigsten Mißverständnisse entstehen. Denn was in der Sexualität ursprünglich lebt, ist durchdrungen von der geistigen Liebe. Aber die Menschheit kann herunterfallen von dieser Durchgeistigung der Liebe. Und sie fällt am leichtesten herunter in dem intellektualistischen Zeitalter. Denn wenn der Intellekt diejenige Form annimmt, von der ich gestern gesprochen habe, dann wird das Geistige der Liebe vergessen, dann wird nur ihr Äußeres in Betracht gezogen. Es ist in des Menschen Macht, möchte ich sagen, daß er sein eigenes Wesen verleugnen kann. Er verleugnet es, wenn er von dem Genius der Liebe heruntersinkt zu dem Dämon der Sexualität - wobei ich eben durchaus die Art des Fühlens über diese Dinge ver- stehe, wie sie zumeist in der Gegenwart vorhanden ist.